James Blake - Wunderkind?

      James Blake - Wunderkind?

      Nachdem dieser 22-jährige Brite mit seinem "Post-Dubstep" durch MySpace, Youtube und Blogosphäre gerauscht ist, brachte gestern sogar das ARD-Nachtmagazin einen kurzen Filmbericht. Manche Kritiker bezeichnen James Blake als Wunderkind, andere versteigen sich gar zu der Aussage, dass wir es mit dem ersten großen Pop-Entwurf der Zehner-Jahre zu tun haben. Ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll.

      Beim ersten Reinhören erinnert sein pimpeliges Falsett an Antony Hegarty, sofern der übermäßige Einsatz des Vocoders nicht noch ganz andere Assoziationen aufkommen lässt. Taucht ein akustisches Instrument auf (Lindisfarne II), klingt es so dermaßen übersteuert, dass man unweigerlich anfängt, nach dem Wackelkontakt zu suchen. Manche lautmalerischen Electronica-Schnipsel und die gelegentliche Sperrigkeit der Songs sind jedoch nicht ohne Reiz – Vergleiche in Richtung Marc Hollis oder David Sylvian hingegen bleiben böswillige Unterstellungen. :D

      Um die Kurve zu kriegen: Sein Debut-Album gibt es auch auf Vinyl. ;)



      Links:

      Musik: itunes.apple.com/de/album/james-blake/id413997214

      Video: vimeo.com/19445868

      Rezension: musikexpress.de/reviews/alben/…es-Blake-James-Blake.html

      lg
      Christian
      Und der gute Jaar wird nicht gehypt? ;) (OK, nicht so wie JB).
      Falls der Thread gerade zu so etwas wie "mein liebster aktueller Electronica-Act mit Gesang"-Thread wird, würde ich gerne noch Bibios "Mind Bokeh" in den Ring werfen. Sehr viele 70ies-Samples, in seinem emotional-intuitiven Ansatz, der 70er-Opulenz und seiner guten Laune fast eine Antithese zu James Blake. Bibio ist übrigens ein ausgewiesener "Analogie", er sagte in einem Interview, dass er 30 analoge Taperecorder besäße, "vom Diktiergerät bis zur Reel-to-Reel-Maschine". Diese nutzt er auch für seine Aufnahmen und Effekte.




      Empfehlenswert!

      Beste Grüße,
      Oliver
      Hallo Oliver,

      nettes Album! Allerdings fehlt mir etwas der stilistische Bezug zum angesprochenen Album von James Blake. Viel mehr würde mich Deine/Eure Meinung zu diesem sehr kontrovers diskutierten Debut ("Hype", "DJ-Wunderkind", etc.) interessieren.

      lg
      Christian
      Hallo Christian,

      sorry, hast recht. Ich mag das Album von JB, da hier jemand mit einer klassischen Klavierausbildung Elemente aus zeitgenössischer elektronischer Musik benutzt, um die Erwartungshaltung, die viele Hörer beim (erstmaligen) Hören seiner Musik haben, nicht zu erfüllen. Beispielhaft hier seine Version von "Limit Your Love", die ja auch vor dem Album schon im Netz kursierte und möglicherweise zum Hype beigetragen hat. Erst bei ca. 0:49 verwandelt sich der Song in etwas anderes, mit rollendem Bass und überlagerten Vocals.

      Die Art der von ihm benutzten Referenzen, gerade in dem Song, finde ich schon gut gedacht und arrangiert. Diese homöopathische Dosis von künstlicher "analoger Patina" z.B., hier durch genau einen regelmäßigen Click vertreten, finde ich schon cool. Diese Mini-Referenz auf Jan Jelinek, Akufen, Funkstörung, uva. verweist sehr effizient auf Montiertheit als musikalischen Ansatz. Und das in einem Moment, wo man sich möglicherweise gerade fragt, ob hier ein Unfall passiert ist oder wieso der Beat gerade dieses schöne Stück "musikalischer Unschuld" zerhämmert.

      Probleme habe ich nur mit der gleichbleibend "schweren" Grundstimmung des Albums. Nichts gegen musikalische Ernsthaftigkeit, aber diese "Larmoyanz" ist nicht zu jeder Tageszeit meins, das Falsett macht es auch nicht besser. Die Möglichkeiten der Variation sind aufgrund der Instrumentierung und der Stimmlage auch eher begrenzt.

      Ich gebe mir das Album ebenfalls in homöopathischen Dosen, immer nur zwei oder drei Stücke, dann passt's. :)

      Beste Grüße,
      Oliver

      Die Covers sind einfach topp

      Hallo Zusammen,
      die Musik kenne ich nicht - werde ich aber mal ändern.
      Die Covers von Space is only noise und Mind Bokeh (Titel ist schon sowas von gut :thumbsup: ) sind einfach top. Also alter Hobby Fotograf freue ich mich einfach nur über so viel Kreativität und tolle handwerkliche Umsetzung. Bin gespannt mal rein zu hören!
      Danke schon mal für die Tipps :D
      Peter
      "Menschen sind wie Schallplatten: nur gut aufgelegt kommen sie über die Runden." Ursula Herking
      Klasse Oliver! Deine Einschätzung kann ich absolut nachvollziehen. :)

      Die von Dir genannten Verweise auf Jan Jelinek, Funkstörung, aber auch Mount Kimbie, 70er Soul- und Pop-Anleihen, ergeben für mich ein intelligentes MashUp, dass eine Auseinandersetzung erkennen lässt. Mir gefällt vor allem das Spiel mit der Erwartungshaltung (schön formuliert: "Und das in einem Moment, wo man sich möglicherweise gerade fragt, ob hier ein Unfall passiert ist oder wieso der Beat gerade dieses schöne Stück "musikalischer Unschuld" zerhämmert.") sowie die eingesprenkelten Asymetrien, Atonalitäten und taktischen Aussetzer, die den Mainstream letztendlich verweigern. Dass einige Songs zuweilen an Herbstdepessionen erinnern (oder diese möglicherweise begünstigen) finde ich nicht weiter störend. An die Stimme, speziell den Vocoder, muss ich mich dennoch gewöhnen.

      Ein interessantes, aber auch polarisierendes Album. Bleibt zu hoffen, dass dies keine Eintagsfliege war.

      lg
      Christian
      So, nachdem ich bislang nur einige Downloads von der Blake-Platte gehört habe, kam heute am frühen Morgen die gestern erstandene DLP auf den Dreher. Nur ganz kurz jetzt: Diese Platte wird komplett missverstanden und zeigt auf, wie wenig musikalische Ahnung die Kritiker in den Gazetten haben (etwa in der verlinkten ME-Kritik) - dies ist kein Elektronik bzw. Dubstep-Album, das ist Blues bzw. Gospel in Reinkultur, insbesondere im 2. Teil des Albums, zumindest was das Grundgerüst der Songs unterhalb des elektronischen Gefrickels anbelangt, auch die Gesangslinien, die chorische Aufsplitterung des Gesangs, die Harmoniegänge des Klaviers, selbst einzelne Textzeilen, Gospel as Gospel can be. Werde das mal versuchen, an einigen Songs heute oder morgen zu konkretisieren.
      Ich musste zeitweise an die Neville Brothers bzw. Aaron Neville denken, zumindest hatte ich nach JB manchmal den Drang, selbige zu hören. Ich habe allerdings nie eine Kritik gelesen, die die Platte als "Dubstep-" oder sonstwie-Platte beschrieben hätte, auch nicht die verlinkte Kritik (es wird ja nur von "gemeinsamen Vorfahren" gesprochen). Ich denke, es ist in der Struktur der Platte angelegt, sich klaren Zuordnungen entziehen zu wollen.
      "Die Zeit", DE:BUG , ME und andere ordnen JB's Album schon als "Post-Dubstep" ein. Im verlinkten ME Artikel wird auch auf die Nähe zu Jaar's "Space Is Only Noise" verwiesen. Was natürlich dafür spricht, dass von der Kritik einiges mißverstanden wird, oder einfach (noch) nicht zu kategorisieren ist.

      "Atonal" ist sicherlich sehr hoch gegriffen. Eingesprenkelte "Dissonanzen" wäre vielleicht treffender.

      lg
      Christian

      applewoi schrieb:

      "The limit of your Love" gefällt mir im Original von Feist besser.


      Das gehört ja zu den Remixgeschichten, die er schon vor der Veröffentlichung des Albums gemacht hat, weswegen er ja auch der Electroszene zugeordnet wird. Bei Lidell sind die Songstrukturen wesentlich klarer erhalten. Bei Blake sind es ja bisweilen nur zwei Zeilen, die sich mäandernd durch den Vocoder schlängeln, aber auch hier wieder der Bezug zum Gospel oder historisch noch älter zu den Worksongs, die ja auch keine Story erzählen, sondern wenige Textzeilen chorisch verarbeiten.

      Ich würde mal behaupten wollen, dass die Unterschiede zwischen Blake, Jaar, Lidell oder auch Matthew Herbert als Godfather dieser Dekonstruktionstechnik weniger im Bereich der elektronischen Studioarbeit als vielmehr im grundierenden Songmaterial liegen.